Asimovs erstes Gesetz muss heute für Staaten gelten

Zwischen den USA und China hat ein Wettlauf um künstliche Intelligenz begonnen, den keine der beiden Seiten verlieren will.

Es geht um Hochleistungschips, Rechenzentren, Energie, Daten, Spitzenforscher und immer leistungsfähigere Modelle. Jeder Fortschritt der einen Seite erhöht den Druck auf die andere. Jede Beschränkung wird mit neuen Investitionen beantwortet. Jede technologische Ankündigung löst die nächste aus.

Noch wird dieser Wettbewerb überwiegend als wirtschaftliche und geopolitische Auseinandersetzung beschrieben. Wer bei künstlicher Intelligenz führt, so die verbreitete Annahme, wird auch wirtschaftlich, militärisch und politisch die Regeln des 21. Jahrhunderts bestimmen.

Deshalb können weder die USA noch China einfach aussteigen.

Genau darin liegt das Problem.

Ein Wettlauf ohne Bremse

Technologischer Wettbewerb ist zunächst nichts Schlechtes. Er beschleunigt Innovation, senkt Kosten und eröffnet neue Möglichkeiten. Ohne Wettbewerb wären Computer, Mobiltelefone oder das Internet vermutlich langsamer und teurer zu uns gekommen.

Doch künstliche Intelligenz ist nicht einfach eine weitere Technologie.

Sie wird zunehmend selbst zum Akteur. Sie analysiert, entscheidet, programmiert, verhandelt, beeinflusst Kommunikation und steuert technische Systeme. Ihre Fähigkeiten wachsen schneller, als Gesellschaften Gesetze, Institutionen und gemeinsame Regeln entwickeln können.

Wenn zwei Großmächte überzeugt sind, dass die jeweils andere Seite jede freiwillige Begrenzung als Schwäche nutzen würde, entsteht eine gefährliche Logik:

Was technisch möglich ist, muss entwickelt werden – nicht unbedingt, weil es vernünftig ist, sondern weil der andere es sonst zuerst tut.

Die Frage lautet dann nicht mehr:

Sollten wir dieses System bauen?

Sondern nur noch:

Können wir es uns leisten, es nicht zu bauen?

Diese Dynamik kennen wir.

Im Kalten Krieg führte sie zu immer mehr Atomwaffen, obwohl beiden Seiten klar war, dass ihr tatsächlicher Einsatz katastrophal wäre. Die Sicherheit sollte dadurch entstehen, dass niemand einen Vorsprung erlangte und jeder wusste, dass ein Angriff zur eigenen Vernichtung führen konnte.

Bei künstlicher Intelligenz funktioniert diese Logik möglicherweise nicht.

KI-Systeme sind keine Raketen in Silos. Sie verbreiten sich als Software, werden kopiert, verändert und in zahllose wirtschaftliche, militärische und gesellschaftliche Prozesse eingebaut. Ihre Wirkung lässt sich nicht auf einen einzelnen Einsatzmoment begrenzen. Und während Atomwaffen vor allem zerstören können, kann künstliche Intelligenz zugleich enormen Nutzen schaffen.

Gerade diese Mischung macht sie so schwer beherrschbar.

Die Antwort stammt aus dem Jahr 1942

Merkwürdigerweise begann die gedankliche Auseinandersetzung mit diesem Problem lange bevor künstliche Intelligenz technisch möglich wurde.

1942 formulierte der Schriftsteller Isaac Asimov seine berühmten Robotergesetze. Im Zentrum stand die Forderung, dass ein Roboter einem Menschen keinen Schaden zufügen dürfe. Später erweiterte Asimov diesen Gedanken: Nicht nur der einzelne Mensch, sondern die Menschheit als Ganzes müsse geschützt werden.

Asimovs Gesetze waren Literatur, keine technische Spezifikation.

Sie funktionierten in seinen Geschichten gerade deshalb so gut, weil ihre Anwendung immer neue Widersprüche erzeugte. Was geschieht, wenn der Schutz eines Menschen vielen anderen schadet? Darf eine Maschine Freiheit einschränken, um Gefahren zu verhindern? Wer entscheidet überhaupt, was ein Schaden ist?

Asimov lieferte keine einfache Lösung. Er erkannte aber etwas Grundsätzliches:

Je mächtiger Maschinen werden, desto wichtiger ist die Frage, welchem übergeordneten Prinzip ihre Macht dienen soll.

Heute stellen wir diese Frage meist an die KI selbst.

Ist das Modell sicher? Ist es kontrollierbar? Verbreitet es falsche Informationen? Kann es Menschen manipulieren? Hält es sich an Regeln?

Doch das greift zu kurz.

Nicht nur die KI braucht Regeln

Eine künstliche Intelligenz entwickelt sich nicht aus eigenem geopolitischen Ehrgeiz. Staaten und Unternehmen entwickeln sie. Sie bestimmen die Ziele, stellen Rechenleistung bereit, beseitigen Sicherheitsbarrieren und entscheiden, wie schnell ein System veröffentlicht oder eingesetzt wird.

Deshalb genügt es nicht, von der Maschine zu verlangen, dass sie Menschen keinen Schaden zufügt.

Das Prinzip muss auch für diejenigen gelten, die sie erschaffen und in einen globalen Wettbewerb schicken.

Die entscheidende Regel des KI-Zeitalters könnte deshalb lauten:

Kein Staat und kein Unternehmen darf im Wettlauf um künstliche Intelligenz Risiken für die Menschheit in Kauf nehmen, nur um einen strategischen Vorsprung zu erzielen.

Das klingt zunächst selbstverständlich.

In der Praxis wäre es revolutionär.

Denn Staaten handeln traditionell im Interesse ihrer eigenen Sicherheit und Macht. Unternehmen handeln im Interesse ihrer Eigentümer, Kunden und Märkte. Von beiden würde nun verlangt, auch die langfristigen Folgen ihres Handelns für Menschen außerhalb ihres unmittelbaren Verantwortungsbereichs einzubeziehen.

Das ist schwer. Aber es ist nicht weltfremd.

Auch für Atomwaffen, biologische Forschung, Luftfahrt oder Arzneimittel wurden internationale Regeln, Prüfverfahren und Sicherheitsstandards geschaffen. Sie sind unvollkommen, werden verletzt und hinken der technischen Entwicklung oft hinterher. Trotzdem wäre die Welt ohne sie gefährlicher.

Sicherheit darf kein Wettbewerbsnachteil sein

Das größte Hindernis für verantwortungsvolle KI-Entwicklung ist nicht fehlendes Wissen.

Es ist fehlendes Vertrauen.

Keine Seite möchte sich selbst beschränken, solange sie vermuten muss, dass andere dadurch einen Vorsprung gewinnen. Sicherheit wird so zum möglichen Wettbewerbsnachteil.

Genau deshalb können freiwillige Selbstverpflichtungen einzelner Unternehmen oder Länder nicht ausreichen. Nötig wären überprüfbare Regeln, gemeinsame Mindeststandards und Kommunikationskanäle zwischen den führenden KI-Mächten.

Nicht jedes Modell und nicht jede Forschung müsste offengelegt werden. Aber bei Fähigkeiten mit weitreichenden Folgen müsste zumindest Transparenz darüber entstehen, welche Risiken geprüft werden und welche Grenzen nicht ohne weitere Abstimmung überschritten werden sollen.

Das wäre kein Ende des Wettbewerbs.

Es wäre der Versuch, den Wettbewerb so zu gestalten, dass sein Gewinner nicht am Ende eine Technologie beherrscht, deren Folgen niemand mehr kontrollieren kann.

Vom Robotergesetz zur Zivilisationsregel

Asimov dachte über Roboter nach.

Heute müssen wir weiterdenken.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, ob eine Maschine einem Menschen schaden darf. Sie lautet, ob Staaten und Unternehmen im Streben nach technologischer Führung Entscheidungen treffen dürfen, deren Risiken die gesamte Menschheit trägt.

Damit wird aus einem Robotergesetz eine Zivilisationsregel.

Die USA und China müssen bei künstlicher Intelligenz keine Freunde werden. Sie werden Konkurrenten bleiben. Aber auch Konkurrenten können erkennen, dass es Grenzen gibt, deren Überschreitung keinem von ihnen nützt.

Der gefährlichste Wettlauf ist nicht derjenige, den eine Seite verliert.

Es ist derjenige, bei dem alle immer schneller laufen und niemand mehr weiß, ob hinter der Ziellinie noch sicherer Boden liegt.

Asimovs Gedanke ist mehr als achtzig Jahre alt.

Vielleicht ist gerade jetzt der Moment gekommen, ihn ernst zu nehmen.

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NKT – Nicht in Deinen kühnsten Träumen ist eine Reihe von Zukunftsthesen über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Wirtschaft, Gesellschaft und unser tägliches Leben. Jeder Beitrag beginnt mit einer provokanten These. Die ausführliche Einordnung erscheint hier im Unternehmer-Wegweiser.

Wenn Sie verstehen möchten, warum die nächsten zehn Jahre mehr verändern werden als die letzten hundert, finden Sie die vollständige Argumentation hier:

Nicht in Deinen kühnsten Träumen – Das entfesselte Individuum in der KI-Revolution

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